LiteraturInitiative Berlin

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16/06/2026

Ann Esswein: Jahre ohne Sprache
 
Ann Esswein
Ecco Verlag
 
Empfehlung: Antonia v.Wissel
 
Okay, erstmal: Ich war nach dem Lesen sauer, und zwar richtig sauer. Da fiebert man sich durch den ganzen Roman, hängt an jeder Seite, und dann? Nichts. Alles offen. Freiraum zum Imaginieren. Erst dachte ich: „Wie bitte? So lässt sie uns einfach hängen?“ Aber je länger ich jetzt darüber nachgedacht habe, desto cleverer fand ich das Buch. Genau so wollte Esswein es wohl. Die Lücken, das Schweigen, das Ungesagte: das sind die zentralen Themen des Romans. Sprachlosigkeit, Trauma, Erinnerungen, die sich einfach nicht in Worte pressen lassen, all das wird spürbar. Wir Leser*innen werden dadurch gezwungen, selbst mitzudenken, Schlüsse zu ziehen, uns in Naos zerrissene Welt zu stürzen. Spannung entsteht hier nicht durch Action, sondern durch Unklarheit. Und glaubt mir, das funktioniert hier verdammt gut.
Worum geht es denn nun eigentlich?
Natascha, später Nao, lebt in einer besetzten Knopffabrik mit ihrer Wahlfamilie. Alles wird geteilt: Betten, Essen, Leben (ein kollektives „Wir“). Ihre Heimat Glanitz, ein kleiner Ort in der Provinz, ihren Vater, ihre Jugend, alles das lässt sie hinter sich. Doch die Vergangenheit holt sie ein. Stück für Stück bekommen wir Einblicke in ihre Jugend, Freundschaften, Exzesse und die ominöse „Hand“, die bei jeder Party, bei jedem Ausflug auftritt. Bedrohlich, anonym, unvergesslich.
Der Roman spielt mit dem Schweigen und der Sprachlosigkeit, damit, wie dieses Schweigen ein Trauma verstärken kann und wie schwer es ist, Worte dafür zu finden. Der Titel spielt direkt auf diese Unfähigkeit an, Erlebtes in Sprache zu fassen. Gleichzeitig geht’s um Zugehörigkeit, Gemeinschaft, Selbstbestimmung, aber auch um Angst, Ohnmacht, Gerechtigkeit und Rache. Esswein thematisiert die Dynamiken von Macht, Scham und gesellschaftlichem Schweigen, vor allem im Kontext sexualisierter Gewalt. „Die Hand“ bleibt anonym, bedrohlich, immer präsent, ein ständiger Schatten über Nao. Dass der Täter nie beim Namen genannt wird, macht deutlich, wie sehr Trauma und gesellschaftliches Schweigen das Opfer isolieren.
⤵️

Photos from LiteraturInitiative Berlin's post 11/06/2026

GEWINNSPIEL

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Also zwei Gewinner*innen + jeweils Begleitung 🍿

INGEBORG BACHMANN – JEMAND, DER EINMAL ICH WAR ist ab dem 25. Juni nur im Kino zu sehen.

Der neue Film der vielfach ausgezeichneten Regisseurin Regina Schilling nähert sich dem Leben und Werk einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts an. Mit der Oscar-nominierten Sandra Hüller entstand ein ebenso poetisches wie eindringliches Porträt der Autorin Ingeborg Bachmann.

So könnt ihr teilnehmen:
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Teilnahmeschluss: [Datum einfügen]
Die Gewinner*innen werden per Direktnachricht benachrichtigt.

Worum geht’s?
Kaum eine Stimme der deutschsprachigen Literatur wurde so gefeiert, diskutiert und angegriffen wie die von Ingeborg Bachmann. In einer poetischen Spurensuche nähert sich Sandra Hüller der Autorin an einem imaginären Tag ihres Lebens. Archivmaterial, Interviews und Bachmanns eigene Texte zeichnen das Bild einer kompromisslosen Denkerin, die ihr Leben lang für weibliche Selbstbestimmung und eine eigene Sprache kämpfte. Ein bewegendes filmisches Porträt über Kunst, Freiheit und die Kraft der Literatur.

zero one film Piper Verlag Suhrkamp Verlag JETZT & MORGEN

09/06/2026

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🕛 12:00–18:00 Uhr
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Belletristik

Photos from LiteraturInitiative Berlin's post 02/06/2026

Lilli Tollkien: Mit beiden Händen den Himmel stützen




Von Lina Barsig & Lily Gruhl

TW: verbale, psychische und sexualisierte Gewalt, Drogen- und Alkoholmissbrauch
„Es sind die Achtzigerjahre, und überall wird geraucht.“ (S.64) West- und Ostberlin sind zwei verschiedene Welten, im Fernsehen läuft die Lindenstraße und im Radio Nena und Ton Steine Scherben. Hier wächst Lale in der Westberliner Männerkommune ihres linksalternativen Vaters auf, ihre Mutter ist drogenabhängig und selten präsent. Drogen, Partys, Vernachlässigung und auch Missbrauch sind an der Tagesordnung.

Lale versucht, die trüben und unruhigen Gewässer dieser Welt zu durchdringen und sich in den Unwägbarkeiten der Erwachsenen zurechtzufinden, doch „wo eben ein sicherer Hafen war, ein Erwachsener, dem [sie] vertraute, konnte plötzlich ein glitschiger Steg sein.“ (S.77)

Viel zu früh muss Lale lernen, auf eigenen Beinen zu stehen, und wird von Beginn an auf sich allein zurückgeworfen. Sie versucht ihrer Verlorenheit im Laufe ihres Erwachsenwerdens mit verschiedensten Strategien zu entkommen, probiert sich immer wieder neu aus, träumt davon, die eigene Haut abzuschälen und zu erneuern, sucht Vorbilder in Musikikonen, in ihren Freundinnen und Liebhabern, kopiert deren Eigenschaften und Wesenszüge, um sich dadurch eine schützende zweite Haut zu konstruieren, nur um sich selbst dabei zu verlieren. In Perspektivwechseln zwischen Kindheit und Erwachsenenleben schildert Lilli Tollkien eindrücklich, poetisch und mit stiller Wucht Lales Suche nach sich selbst und ihre Versuche, einen Halt und ihren Platz in der Welt zu finden.

Tollkien’s Debütroman ist vielschichtig, berührend und macht einen oft sprachlos vor Wut und Schock darüber, wie Lale von allen Instanzen - seien es ihre Eltern, deren Freund*innen und Bekannte, das Jugendamt oder später ihren eigenen Partner*innen - immer wieder allein und im Stich gelassen wird. Doch trotz der eigentlich erdrückenden Thematik erzählt der Roman Lales Geschichte zugleich zärtlich und hoffnungsvoll, immer verflochten mit der Perspektive der erwachsenen Lale auf die Geschehnisse ihrer Kindheit und deren Konsequenzen für ihre Zukunft.⤵️

01/06/2026

Ulrikka S. Gernes: Ein Mädchen verließ das Zimmer


 
Übersetzung: Ursel Allenstein
 
Empfehlung: Antonia v. Wissel
Puh! Dieses Buch war echt kaum auszuhalten. Ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich es jetzt hinter mir habe… und ja, es hat mich ganz schön mitgenommen.
 
Im Zentrum steht Tanja, gerade einmal 14 Jahre alt, die auf den 40-jährigen Schriftsteller Eg trifft. Klingt nach einem klassischen „alter Mann, junges Mädchen“-Szenario und genau das ist es: alles andere als romantisch, dafür umso verstörender. Zwischen den beiden entsteht eine intensive, aber von Anfang an völlig ungleiche Beziehung. Eg ist fasziniert von Tanja, sie fühlt sich geschmeichelt, und schon beginnt die Brieffreundschaft, die immer intimer wird, bis sie sich ihre Gefühle gestehen. Treffen folgen, das Machtungleichgewicht wird immer deutlicher und ja, die Eltern schauen einfach zu. Wirklich, nichts. Erst gekonntes Ignorieren, dann bloßes Zuschauen und schließlich einfach ein Daumen hoch und weiterschauen, als wäre es nur eine spannende Netflix-Serie und nicht das eigene Kind.
 
Eg manipuliert Tanja, formt sie nach seinen Vorstellungen und überschreitet immer wieder körperliche und psychische Grenzen, ja, er vergewaltigt sie auch. Diese „Beziehung“, wenn man sie so nennen kann, prägt Tanjas Leben tief. Nicht nur ihre Kindheit und Jugend werden zerstört, sondern auch als Erwachsene trägt sie Narben dieser Erfahrung.
 
Der Roman zeigt schonungslos, wie Machtmissbrauch, Manipulation und das stumpfe Zuschauen von Erwachsenen ein junges Leben zerstören können. Es geht um Erwachsenwerden, das erste Erwachen von Sexualität, Verwirrung, Sehnsucht nach Nähe und Anerkennung und die bittere Frage, wie Erfahrungen aus der Jugend das ganze weitere Leben prägen. Tanja sucht Halt und Schutz in einer zerrütteten familiären Situation und blickt als Erwachsene zurück, immer noch fassungslos darüber, warum niemand eingegriffen hat und was aus ihrer Jugend geworden ist.⤵️

29/05/2026

Regina Denk: Der Fährmann
 



Empfehlung: Antonia v.Wissel
Regina Denk hat es wieder getan … Und diesmal hat sie mir glatt das Herz aus der Brust gerissen, nur um es danach wieder zusammenzuflicken. Uff. Man denkt: „Ach, ein paar Seiten lesen, ganz entspannt…“ Pustekuchen! Schon nach den ersten Seiten sitzt man mit offenem Mund da und denkt nur: „Warum habe ich nicht heute Morgen schon angefangen?“ Und ja, ich liebe solche Bücher! Spannend, emotional und herzzerreißend.
Schon „Die Schwarzgeherin“ war einfach der Wahnsinn! Vielleicht, nur vielleicht, einen winzigen Ticken besser, aber ehrlich: Kaum der Rede wert. Der Fährmann knallt trotzdem rein wie ein emotionaler Schlag mitten in die Magengrube! Hach, hach, hach!
 
Hier gibt’s alles, was Drama ausmacht: Liebe, die eigentlich verboten ist, Traditionen, die jeden erwürgen, Neid und Eifersucht, die sich wie Unkraut ausbreiten, das tägliche Dorfchaos und obendrauf noch Krieg und gesellschaftlicher Wandel. Wir werden quasi von einer Krise in die nächste geschubst.
 
Die Geschichte schmeißt uns mitten hinein in die Zeit um den Ersten Weltkrieg, in ein kleines Dorf an der Salzach, wo sich Hohenwart und Siegering per Fähre die Hand geben. Dort stolpert Hannes durchs Leben, überlebt knapp eine Lungenentzündung und wird durch den Gesang von Elisabeth, diesem Mädchen mit den blonden Locken, wieder ins Leben zurückgeholt. Romantik pur? Klar, aber kaum zu genießen, denn Elisabeth ist natürlich schon Josef, dem reichen Bauernsohn, versprochen. Und Josef? Ein klassischer egozentrischer Schnösel, der wirklich denkt, die Welt läge ihm zu Füßen. Dann ist da noch Annemarie, die Wirtstochter. Man könnte meinen, ihr Leben sei ein bisschen langweilig, aber nein: Sie hilft nonstop im Gasthaus, wächst unter strenger Hand auf und muss sich den Blicken, Worten und Taten der Männer aussetzen. Zum Haare raufen, aber leider Realität.
Denk begleitet diese drei Figuren von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter und zeigt, wie Liebe, Neid, Traditionen und der Krieg das Leben in einem kleinen Dorf komplett auseinanderreißen können. ⤵️

27/05/2026

Son Lewandowski Die Routinen


lewando

Empfehlung: Antonia v.Wissel
 
Wow. Puh. Ächz…
Die Beste sein, die Dünnste sein, keine Fehler machen, Lob ergattern, keine Strafe bekommen, sich nicht verletzen und bloß nicht zunehmen… Klar, kein Problem! Genauso fühlt sich das Leben einer Leistungsturnerin an. Die Routinen nimmt die Leser*innen mit in die Welt des Leistungsturnens, eine Welt voller Druck, Konkurrenz und Kontrolle über Körper und Psyche.
Puhhh, allein beim Lesen spürt man schon den ganzen Stress, als würde man selbst unter diesem ganzen Druck turnen.
 
Am Anfang war ich ehrlich gesagt ein bisschen überfordert. Perspektivwechsel hier, Sprünge in die Vergangenheit da… Man muss sich erstmal reinfinden. Aber wenn man das geschafft hat, dann läuft die Geschichte wie ein sauber gelandeter Salto. Die Erzählung ist spannend, poetisch geschrieben und vermittelt sehr eindrücklich, wie belastend das Leben im Leistungssport ist.
Was da alles passiert, ist echt krass! Ich wusste vorher kaum etwas über die dunklen Seiten des Turnens, habe dann sogar gegoogelt, weil ich’s nicht glauben konnte, aber das Buch macht deutlich: Hinter all dem Glanz steckt ein System voller Machtmissbrauch, Druck und Kontrolle. Die Hauptfigur kämpft nicht nur mit Sprüngen und Übungen, sondern auch mit Erwartungen, Verletzungen, Gewichtsvorgaben und der ständigen Konkurrenz. Das Buch erzählt von Druck, Kontrolle, Rivalität und den ganzen unschönen Seiten des Leistungssports, und das alles so, dass man mit der Protagonistin mitfiebert.
Dabei ist die Geschichte fiktional, auch wenn Lewandowski sich an realen Vorfällen aus der Vergangenheit orientiert: echte Trainer*innen, bekannte Turnerinnen, Medialisierung, körperliche Anforderungen, Trainingsroutinen, historische Missbrauchsskandale und sexualisierte Gewalt, alles kunstvoll verfremdet, aber mit genug Realität, dass einem manchmal die Luft wegbleibt.
 
Lesen bedeutet hier: fasziniert sein von der poetischen Sprache, die trotz Brutalität schön ist, gleichzeitig schockiert darüber, wie viel Druck, Machtmissbrauch und psychische Belastung in diesem Sport stecken.⤵️

17/05/2026

Matilda Gyllenberg: 100 Tage zu Hause

gyllenberg


Empfehlung: Antonia v.Wissel
 
Okay, wow. Was für ein gutes Kinderbuch war das bitte? 100 Tage zu Hause hat mich wirklich überrascht. Ein Buch über Schulangst, psychische Gesundheit, Klimawandel, Mut, persönliches Wachstum, Eltern, Freundschaft, Unterstützung, Erwachsenwerden UND nebenbei wird auch noch eine kleine Detektivgeschichte erzählt. Puh, klingt erstmal nach ein bisschen viel, funktioniert hier aber erstaunlich gut.
Das Buch ist ernst, aber gleichzeitig auch lustig. Manchmal traurig, aber trotzdem voller Hoffnung, Wärme und Freude.
 
Im Mittelpunkt steht Nike, die plötzlich kaum noch in die Schule gehen kann. Ja, sie hat große Angst vor der Schule, alles wird ihr einfach zu viel. Aber warum eigentlich? Das weiß sie selbst nicht so genau. Und genau das fand ich so stark beschrieben. Diese Angst ist für Nike selbst erstmal gar nicht richtig greifbar, sie lässt sich schwer in Worte fassen, aber sie ist trotzdem da. Verwirrend, unangenehm und schwer erklärbar. Vor allem Erwachsenen gegenüber, die gern einfache Antworten hätten. Ihre Mutter versteht vieles nicht direkt, was manchmal frustrierend ist, aber eben auch sehr realistisch.
Und dann gibt es Mia. Beste Freundin, Rettungsanker, Partnerin für alles. Mit Mia fühlt sich die Welt plötzlich wärmer an. Nicht perfekt, aber zumindest aushaltbarer. Mia gibt Nike Sicherheit und manchmal sogar in der Schule ein warmes, gutes Gefühl. Doch das reicht nicht immer aus, denn da sind auch die vielen anderen Kinder, die eben nicht so nett sind wie Mia. Ich mochte die Freundschaft der beiden richtig gern! Beim Lesen wird einem dabei richtig warm ums Herz.
 
Nike hasst übrigens ihren Namen. Klingt erstmal nach einem kleinen Detail, ist aber für sie ein richtig großes Ding. Das Buch nimmt solche Gefühle ernst, ohne sie jemals übertrieben dramatisch zu machen.
Und dann die Oma! Absolute Lieblingsfigur. Sie interessiert sich für den Klimawandel, beobachtet mit Nike Vögel und erklärt ihr die Welt. Ganz nebenbei steckt also auch noch ziemlich viel Umwelt- und Naturthema im Buch, aber angenehm unaufdringlich und null belehrend.⤵️

12/05/2026

Nefeli Kavouras: Gelb, auch ein schöner Gedanke


kavouras
 
Empfehlung: Antonia v.Wissel  
 
Mir hat dieses Buch unglaublich gut gefallen. Es behandelt Themen, bei denen man eigentlich tonnenweise Taschentücher bräuchte (Krankheit, Pflege, Verlust) und schafft es trotzdem, absurd witzig, leicht schräg und überraschend zugänglich zu bleiben.
Klingt wie eine gewagte Mischung, funktioniert hier aber verblüffend gut.
Ich hab mich jedenfalls mehr als einmal dabei erwischt, mitten in einem emotionalen Moment, der echt reinhaut, plötzlich loszukichern. Ja, wirklich…
 
Wir begleiten Lea und ihre Mutter Ruth, während sie hilflos dabei zusehen müssen, wie der Vater/Ehemann nach und nach zum Pflegefall wird. Ein Prozess, der das Familienleben komplett durchschüttelt.
Und die beiden? Könnten unterschiedlicher kaum reagieren: Lea hat diesen fast schon ungeduldigen Wunsch nach einem Ende (auch wenn das hart klingt, aber genau das macht es so ehrlich), während Ruth sich tief in ihre Emotionen hineinziehen lässt und die ganze Tragik auf ihre eigene Weise durchlebt.
Zwischen Sorge, Trauer und dem täglichen Chaos des Pflegewahnsinns entsteht ein ziemlich vielschichtiges und ehrliches Bild von Familie, Nähe und auch Entfremdung. Wir tauchen tief in Leas Gedankenwelt ein, erleben ihren Alltag, ihre Beziehungen, ihre Versuche, irgendwie die Kontrolle zu behalten… und merken dabei ziemlich deutlich, wie sie langsam den Halt verliert. Nicht dramatisch inszeniert, sondern leise, fast schleichend. Und genau das trifft.
Aber auch Ruth bekommt ihre Bühne: erschöpft, überfordert, und trotzdem irgendwie weitermachend. Ihre Perspektive bringt nochmal eine ganz eigene, teils bitter-komische Note rein, besonders in den Konflikten mit Lea, die aus ihrer Sicht plötzlich ganz anders wirken. Beide entwickeln sich, beide kämpfen, beide gehen völlig unterschiedliche Wege und bleiben doch untrennbar miteinander verbunden. Gerade dieses Nebeneinander fand ich extrem spannend.
 
Und dann, zack, kommt diese herrlich absurde, komische Wendung, die dem ernsten Thema eine überraschende Leichtigkeit verleiht. So ein Moment, bei dem man kurz innehalten muss, weil man nicht weiß:⤵️

07/05/2026

Osín McKenna: Hitzetage
 
Übersetzung: Hans-Christian Oeser, Alexandra Titze-Grabec
 
Empfehlung: Antonia v.Wissel
 
„Äh, hallo? Herr Schriftsteller, können Sie in die Zukunft sehen?“Beim Lesen musste ich genau das denken. Da taucht plötzlich ein Wal in London an der Themse auf, wird zur medialen Großsensation und McKenna entlarvt dabei mit feiner Ironie, wie schnell aus einem Tier ein globales Ereignis wird, inklusive Hype, Drama und kollektiver Aufregung. Und dann passiert genau das plötzlich auch hier: ein Wal vor der deutschen Küste, Dauerberichterstattung, Live-Updates, große Aufmerksamkeit und die Frage, ob er überleben wird.
Beim Lesen musste ich deshalb unweigerlich schmunzeln, fast lachen, weil diese Dynamik so vertraut wirkt: die überbordende Berichterstattung, die kollektive Faszination und gleichzeitig dieses leise Unbehagen darüber, wie leicht dabei die wirklich großen Probleme in den Hintergrund rücken. Kriege, Krisen, Klimafragen: alles da, aber plötzlich weniger sichtbar. Fast schon absurd. Und genau da trifft das Buch ziemlich gut.
Ich habe Hitzetage unglaublich gern gelesen. Es ist dicht, vielschichtig und voller miteinander verknüpfter Geschichten und Figuren, die alle auf unterschiedliche Weise miteinander verbunden sind. Immer wieder entstehen kleine Nebenstränge, die sich ineinanderschieben und das Ganze sehr lebendig machen.
 
Worum es eigentlich geht, ist gar nicht so leicht zu sagen: heiße Stadt, schwüle Luft, Menschen kurz vorm Überhitzen, nicht nur durch die Hitze draußen, sondern auch innerlich…
Im Zentrum stehen Figuren, die alle auf ihre Weise versuchen, ihr Leben zusammenzuhalten: Ed, Fahrradkurier, geplagt von Angstzuständen und Identitätsfragen, permanent leicht überfordert. Maggie, seine Freundin, schwanger und alles andere als sicher, was sie eigentlich will. Und ihr bester Freund Phil, unglücklich verliebt und irgendwie auch auf der Suche.
Dazu kommt ein ganzes Netz an Nebenfiguren, deren Geschichten sich immer wieder kreuzen und überlagern.⤵️

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